, Anita Glunk

"Rossfall" in der Stuhlfabrik Herisau

appenzell 24

Ein Theaterereignis zwischen Schuld, Geist und Vergebung

Mit dem Theaterstück «Rossfall» ist Philipp Langenegger, gleichzeitig Regisseur und Hauptdarsteller, in der Stuhlfabrik Herisau ein Stück Theaterkunst gelungen. Zwischen Nebel, Erinnerung und gelebter Geschichte entfaltet sich eine Erzählung von Schuld, Verlust und Vergebung – getragen von einem Ensemble, das mit Herzblut und Präzision spielt.

Im Zentrum steht Albert, ein Mann, der nach einem Unglück die Verantwortung für den Tod seiner Pferde trägt und sich zwischen Schuld, Trauer und der Sehnsucht nach Vergebung verliert. Er begegnet jenen, die ihm einst nahestanden – Lebenden wie Toten. So verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität zu einer mystischen Suche nach Frieden.

Langenegger verkörpert den gebrochenen, rastlosen Albert mit eindringlicher Präsenz und führt zugleich sein Ensemble mit spürbarem Vertrauen und klarer Handschrift. Seine Regie findet stets das richtige Gleichgewicht zwischen Realität und Jenseits, zwischen filmischer Projektion, Stille und Bühnenintensität.
Autorin Anita Glunk aus Gais schöpft aus ihrer eigenen Familiengeschichte – ihre Urgrosseltern waren einst Besitzer des legendären Gasthauses Rossfall unterhalb der Schwägalp. Diese persönliche Verbindung verleiht dem Stück Authentizität und Tiefe. Für Glunk war die Premiere ein emotionaler Höhepunkt: sichtbar erleichtert und bewegt nahm sie den langanhaltenden Applaus entgegen.

Das Ensemble überzeugt in seiner ganzen Bandbreite. Rahel Olesen aus Teufen spielt die geheimnisvolle Chüechli Mine mit leiser, berührender Tiefe – ein stiller Gegenpol zur überdrehten amerikanischen Touristin Jenny, die für Momente des Humors sorgt. Der Herisauer Oliver Daume schockiert als Säntismörder Kreuzpointer mit seiner Intensität und einem erschütternden Abgang. Urs Irniger rührt als sein Vater Walter Irniger – jener Dorfarzt, der den Rossfall einst rettete – durch ruhige, ehrliche Präsenz.

Angélique Kellenberger verleiht als Frau Wickli, Erzählerin und Wirtin, dem Stück eine ruhige Autorität und poetische Klarheit. Ihre Figur, die den Saal einst bemalen liess, schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sepp Manser überzeugt als geistig beeinträchtigter Lukas mit einer stillen, tief bewegenden Darstellung – seine Begegnungen mit Albert bilden den emotionalen Kern des Abends.

Musikalisch umrahmt wird das Geschehen vom Trio Rond om de Säntis (Maya Stieger, Werner Alder, Peter Looser), dessen feinfühlige Klänge das Geschehen tragen, während die Trachtentanzgruppe Appenzell mit ihren Auftritten Momente kultureller Verwurzelung und Leichtigkeit schafft.
Am Ende bleibt einen Atemzug lang Stille, bevor tosender Applaus einsetzt. «Rossfall» ist weit mehr als ein Theaterabend – es ist eine Hommage an die Appenzeller Seele, an das Erinnern, an jene Orte, die ihre Geister nicht fürchten. Ein Stück, das berührt, begeistert und nachhallt.

Appenzell 24